Das Kind übernachtet auswärts

Das Leben mit Kindern: Keiner weiß, was einen als Nächstes erwartet.

Im ersten Jahr des ersten Kindes weiß man quasi schon im Vorhinein, welche Phase und welcher Entwicklungsschub kommt – Mama und Papa haben sich schließlich auf das Projekt „Nachwuchs“ akribisch vorbereitet. Kommen tut selbstverständlich alles anders und jede Entwicklung überrascht uns wieder aufs Neue.

Dass Theo unter die Skispringer gegangen ist, ist ja nichts Neues für Euch, mittlerweile haben wir uns sowohl an den Nervenkitzel, wenn das Kind die Schanze runterfährt, als auch an die stundenlangen Fahrten zum jeweiligen Trainingsort gewöhnt. Was allerdings neu ist, sind die Trainingseinheiten und Trainingslager, bei denen die Übernachtung auch mit dabei ist. Heißt in unserem Fall: Hilfe, das Kind schläft auswärts!

Jetzt ist es ja nicht so, dass Theo nicht schon öfter woanders geschlafen hätte. Aber es waren dabei immer Personen des „inner circle“ – sprich Oma, Opa, Onkel, Tante, usw. – anwesend und haben etwaige Gespenster und andere gruselige Dinge, die sich kurz vor dem Einschlafen bemerkbar machen, tapfer in die Flucht geschlagen. Aber ein Trainingscamp ist natürlich ganz etwas anderes, zumal der Nächstjüngere in Theos Trainingsgruppe zwei Jahre älter ist als unser Bub. Theo will aber unbedingt hin, also tüfteln wir einen Plan aus.

 

Theo übernachtet nicht nur zum ersten Mal auswärts, sondern auch gleich im Ausland…

Die Vorbereitungen

Zum Ersten wird der Dannerische Urlaub so gelegt, dass er möglichst nahe am Trainingsort – nämlich Planica in Slowenien – stattfindet. Konkret haben wir den Faaker See, der südlichsten See Kärntens ausgewählt. Somit sind wir in knapp 40 Minuten zur Stelle, wenn das Heimweh akut wird.

Zweitens werden Probeübernachtungen geplant: Die erste Probe, das Übernachten im Kindergarten der Schulanfänger, meistert Theo mit Bravour, wenn auch mit wenig Schlaf, sowohl für die Kinder als auch für die Betreuerinnen… 😉
Die zweite Probe ist die Übernachtung beim besten Kindergartenfreund. Der Abend beginnt vielversprechend mit viel Spaß und Spiel, endet allerdings um 21:30 Uhr wegen großer Mama-Vermissung. Ich kanns verstehen, es fühlt sich auch für uns komisch an, wenn unser Großer nicht daheim ist.

Theo ist natürlich sehr betrübt, dass er es nicht geschafft hat. Wir versuchen so gut wie möglich ihn aufzuheitern und ihm zu versichern, dass es auch nichts ausmacht, wenn er nicht auswärts schläft. Sollte er beim Trainingslager also lieber bei uns im Hotel schlafen wollen, sei das natürlich auch überhaupt kein Problem. Wer unseren Theo kennt, weiß, dass er einen großen Ehrgeiz hat. Wir vereinbaren also, dass er kurzfristig entscheidet, ob er bei seinen Skispringerfreunden übernachten will oder nicht.

Ich muss ehrlich gestehen, es wäre mir lieber gewesen, er würde bei uns übernachten. Es fällt mir hier wirklich ganz schwer, loszulassen und unserem Kind das zuzutrauen. Ich weiß natürlich, dass das ein Thema ist, das ich mit mir klären muss und es Theo keinesfalls spüren lassen sollte – schaffe es aber nur bedingt. Unbewusst macht sich das so bemerkbar, dass ich beim Packen für den Urlaub schon Theos Zahnpasta und Duschgel vergesse, die er natürlich braucht, sollte er tatsächlich nicht bei uns schlafen.

Braveheart Theo

Insgeheim hoffe ich also, dass sich Theo für die Übernachtung bei Mama, Papa und Bruder Noah entscheidet und habe auch sofort ein schlechtes Gewissen, so eine Glucke zu sein. So wollte ich doch nie werden. Ich wollte doch immer die coolste und lockerste Mama der Erde sein. Elternschaft macht das mit einem – sie kehrt die besten, aber auch die schlechtesten Seiten von uns hervor.

Die Trainingsgruppen trifft sich erst einmal in Villach, um auf der dortigen Schanze zu trainieren, bevor es weitergeht nach Slowenien. Nach einer schweißtreibenden Einheit – Skispringen bei 35 Grad – überrascht uns Theo gleich mal mit der Ankündigung, dass wir uns jetzt bitte verabschieden sollen, er fährt ohnehin im Mannschaftsbus mit. Zack bumm, und ich dachte die Abnabelung käme frühestens mit 14 Jahren. Tja, falsch gedacht, Mama! Die Mutti wird also zurück ins Hotel geschickt, um Theos Sachen für die kommende Übernachtung und die nächsten Trainingstage zu holen.

Ich bin völlig überfordert, weil ich, wie bereits gestanden, insgeheim nicht damit gerechnet habe, dass er es tatsächlich tut. Theos Trainer beruhigt mich, nachdem ich ihm gesagt habe, dass die Übernachtung beim besten Freund nicht geklappt hat: „Oft ist es in der Gruppe leichter als beim Freund, wo es viel weniger Überwindung kostet, die andere Mama zu bitten, einen nach Hause zu bringen.“ Beruhigt mich jetzt nur wenig.

Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf: Was wenn er die ganze Woche die selben Socken anzieht, er die Sonnencreme vergisst, nicht genug trinkt, aufs Klo muss und Hilfe braucht? Und im nächsten Moment könnt‘ ich mich selber ohrfeigen. Ich, die jahrelang auf Jungscharlager und Sportwochen als Begleitperson dabei war, bin zu der Mutter geworden, die ich früher kopfschüttelnd heimgeschickt hätte. Flo sagt nur: „Er schafft das schon!“ Ja, Theo schafft das schon, ich aber nicht.

Theo springt ins Abenteuer: so mutig…Da kann ich noch was lernen.

Der Anruf

Wir verabschieden also unseren mutigen Erstgeborenen in Richtung Selbstständigkeit und fahren weg. An diesem Tag werde ich Flo noch 2.304 Mal fragen, ob er sein Handy eh auf ganz laut gestellt hat, falls die Trainer anrufen und wir kommen sollen.

Ich übe mich in den nächsten Stunden in yoga-hafter Gelassenheit. Ab 20:30 Uhr steigt unsere Aufregung – die kritische Phase beginnt: Schlafen werden sie ehrlicherweise am ersten Tag ohnehin nicht vor 22 Uhr. Wir gehen Abendessen in ein Gasthaus, das Handy immer griffbereit. Noah fragt mehrfach, wo denn Theo ist, genießt die Exklusivzeit mit Mama und Papa aber schon sehr.

Gerade als die Spaghetti Bolognese und die Kärtner Kasnudeln serviert werden, läutet Flos Handy. Der Trainer ruft an. Sofort rasen wieder die Gedanken: Wie tun wir jetzt mit Noah? Bringt uns Flo zurück ins Hotel oder warten wir hier im Restaurant, während er Theo abholt? Wie tun wir mit Theos Sachen, die bestimmt kreuz und quer in der Unterkunft verteilt sind? Wie bauen wir Theo wieder auf?

Zu unserer Überraschung will Theo aber am Telefon nur berichten, dass jetzt alle daheim anrufen dürfen und er erzählt vom Fußball spielen, mit wem er im Zimmer schläft und was es zum Abendessen gab. Zum Abschied sagt er noch: „Mama, du brauchst morgen gar nicht kommen.“ Und tschüss.

Das wars also, das Kind schläft heute auswärts. Und tatsächlich: Beim Abholen am Ende des Trainings sagt uns Theos Trainer, dass er wahnsinnig tapfer war. Sogar die großen Kinder hatten hin und wieder Heimweh-Attacken. Theo hat sich super geschlagen: Geschlafen haben sie dann von 22 bis 5 Uhr früh. Kurz, aber immerhin…;-)

Die Mama braucht jetzt noch ein bisschen, um die Selbständigkeit des Kindes zu verdauen. Irgendwann schafft sie das bestimmt…so in 10 bis 15 Jahren.