Ein Date für Theo

ein Spielplatz mit Aussicht: im Mission Dolores Park (San Francisco)

ein Spielplatz mit Aussicht: im Mission Dolores Park (San Francisco)

Eines muss ich jetzt einmal loswerden: Ich bin so unglaublich stolz auf unseren großen Theo. Er ist hier in Amerika in vielerlei Hinsicht über sich hinausgewachsen.

Natürlich konnte es sich unser Vierjähriger (oder um es mit seinen Worten zu sagen: VierEINHALBjähriger) vorab nicht vorstellen, was es heißt, drei Monate in einem Land zu leben, dessen Sprache er nicht spricht. Und obwohl wir ihn so gut es geht darauf vorbereitet haben, war es dann schon ein kleiner Schock: so viele Kinder am Spielplatz und keines davon versteht ihn. Und doch: Theo ist derart mutig und aufgeschlossen auf die Kinder hier zugegangen, da könnten sich viele von uns ein Scheibchen abschneiden. Inzwischen versteht er zwar schon vieles und spricht auch einige Wörter und Phrasen auf Englisch – so richtig unterhalten kann er sich mit den Kindern aber noch nicht. Sechs Monate brauchen Kinder durchschnittlich, um sich in einer fremden Sprache gut verständigen zu können. So steht es zumindest in den Büchern und dazu müsste auch sehr intensiv mit den Kindern in der neuen Sprache gesprochen werden.
Mutter schreitet zur Tat
Trotz seiner offenen Art ist Theo am Spielplatz oft enttäuscht worden. Wie hat mein Mamaherz geblutet, wenn er weinend angelaufen kam, weil ihn andere Kinder nicht mitspielen ließen. Aber Theo hat immer und überall das Beste draus gemacht und fast überall auch Jungs oder Mädls gefunden, denen die Sprachbarriere egal war und mit denen er viel Spaß hatte (das gemeinsame Wort lautet „Pupsalarm“…). Und trotzdem: Mit unserer Übersiedelung nach San Francisco wollte ich Theo eine Freude machen und habe mich auf die Suche nach einem deutschsprachigen Spielkameraden gemacht.
Dass sich Mütter NIEMALS in die Beziehungen ihrer Kinder einmischen sollten, schon gar nicht in deren (Spiel-)Partnerwahl, ist eigentlich nichts Neues. Aber auf mich trifft das natürlich nicht zu und ich schreite zur Tat. Auf Facebook gibt es quasi für jede größere Stadt hier in Amerika eine deutsche bzw. österreichische Gruppe, wie zum Beispiel „Austrians in New York“, „Germans in San Francisco & Bay Area“ und so weiter und so fort. Die Gruppenmitglieder sind unglaublich hilfsbereit bei aller Art von Belangen: Sei es Wohnungssuche, Visum oder schlichtweg die Frage, ob und wo man hier am besten Mozartkugeln kaufen kann. Ja, ich weiß: Da hätten wir früher dran denken können, dass die Kugeln gute Abschiedsgeschenke für Flos hiesige Arbeitskollegen und -kolleginnen wären. Jedenfalls kann man hier tatsächlich Mozartkugeln kaufen, auch wenn sie „ein bisschen“ teurer sind als zu Hause. Da wird sich doch auch ein Playdate (jawohl, auch die kleinsten haben hier schon Dates – also Verabredungen) für Theo finden lassen.
Und so ist es dann auch: Ich schreibe einen Beitrag in die Gruppe, dass sich unser Theo sehr über deutschsprachige Spielkameraden hier in San Francisco freuen würde und ob vielleicht jemand Lust auf ein Treffen am Spielplatz hätte. Und es kommen tatsächlich einige positive Rückmeldungen: Zum Beispiel gibt es da die „Wanderwichtel“, eine Gruppe deutschsprachiger Familien, die jeden Freitag gemeinsam wandern gehen. Außerdem meldet sich Lisa* bei mir, eine Studentin, die derzeit hier als Au Pair arbeitet. Sie meint, der fünfjährige Sohn der Familie, Lukas*, würde sich sicher über einen Nachmittag mit Theo freuen. Und so vereinbaren wir ein Date für Lukas und Theo am Spielplatz.

Lukas und Theo Hand in Hand

Piraten!!!!
Theo freut sich wie verrückt und ist ganz aufgeregt: Endlich ein Bub, mit dem er toben kann UND der ihn versteht – das wird sicher lustig. Wir treffen uns im Mission Dolores Park – ein Park mit atemberaubendem Blick über San Francisco und auch der Spielplatz kann sich sehen lassen und lässt keine Wünsche offen. So weit so gut. Dann kommt Lukas endlich. Anfangs dauert es noch etwas bis die beiden auftauen. Lukas spricht im Kindergarten und auch mit seiner amerikanischen Mama Englisch. Der Papa und Lisa, das Au Pair, sprechen mit ihm und seinen beiden Schwestern zwar Deutsch, aber Lukas muss sich erst an einen deutschsprachigen Spielkameraden gewöhnen. Aber schließlich scheint es zu funktionieren: Die beiden toben durch den Park und haben Spaß. Theo strahlt und lässt Lukas‘ Hand nicht mehr los. Bis sich ein dritter Bub sich zu den beiden gesellt. Schnell ist Theo wieder das fünfte Rad am Wagen: Die beiden anderen spielen Piraten – und zwar englischsprachige Piraten. Die Jungs vertiefen sich in ihr Spiel und bemerken nicht, dass Theo nicht versteht, was sie einander zurufen. Theo versucht, so gut es geht mitzuspielen, gibt aber bald auf und kommt traurig zu uns zurück: „Der andere Bub hat mir den Lukas weggenommen!“ Ich könnte gleich mitweinen, so leid tut mir unser Kind. Doch Theos Traurigkeit hält nicht lange an: Ein anderer Bub schleppt gerade Sand zur Rutsche und rutscht mit Höllentempo auf dem Sand herunter. Das muss Theo auch ausprobieren und freundet sich schnell mit Adam an, der mit seiner Oma heute hier ist. Die beiden haben es so lustig und es ist ihnen völlig egal, dass sie nicht dieselbe Sprache sprechen. Sie stecken mit ihrem Lachen schließlich alle anderen Kinder am Spielplatz an, sodass schlussendlich 15 Kinder gleichzeitig und unter großem Gejohle die Rutsche runtersausen.

 Mein stolzes Mamaherz lacht und ich weiß ganz sicher: Unser Bub sucht sich seine Freunde auch in Zukunft lieber selber aus und einander verstehen hat oft gar nichts mit Sprache zu tun.
*Lisa und Lukas heißen in Wirklichkeit anders.