Kindergarten-Start: Papas härteste Woche

Es ist eigentlich komplett lächerlich, was ich jetzt schreibe. Aber auch wieder nicht. Dieses schlechte Gewissen kennt aber jeder, wenn sie (Mama) oder er (Papa) sein Kind zum ersten Mal im Kindergarten abgibt. Bei uns war es diese Woche soweit mit dem Kindergarten-Eingewöhnen. Und es macht was mit Eltern, was ich mir vom Kopf her absolut nicht erklären kann.

Nachdem meine Frau bei Theo, unserem Großen, die Eingewöhnung im damaligen Kindergarten gemacht hat, bin diesmal ich als Papa dran. Als wir das eines Abends vor dem Fernseher besprochen haben, hab’ ich noch vollmundig zu meiner Frau gemeint, dass es Noah mit mir vielleicht leichter fallen würde, weil Mama ja die Nummer 1 in seinem Leben ist. Und Abschiednehmen von Nummer 2 ist vielleicht leichter als von Nummer 1. So hätte ich mir das halt gedacht.

Was ich nicht im Kopf hatte, ist, wie es mir dabei gehen würde. Wir haben jetzt als Familie einen Sommer erlebt, in dem ich mir so viel Zeit für die Kinder genommen habe, wie in noch keinem Sommer davor (meistens auf Kosten meines Schlafes dank Café Puls-Frühdiensten, aber es war je Minute wert). Meine zwei Burschen und ich sind also in den letzten Monaten sicher mehr zusammengewachsen als zuvor.

Und dann ist der Montag gekommen: Noah und ich sind auf uns allein gestellt. Wir fahren also in die Krabbelstube. Einmal haben wir sie uns ja im Frühsommer schon mit der ganzen Familie angeschaut. Am ersten Tag dürfen wir beide noch den ganzen Vormittag bleiben. Noah nimmt sofort die Rutsche in Beschlag, mich vereinnahmen gleich ein paar von Noahs künftigen Kindergarten-Kameraden. Es dürfte stimmen, was mir meine Mama – sie war Kindergärtnerin – erzählt hat: Das Kinder total auf männliche Bezugspersonen stehen, weil sie im Kindergarten hauptsächlich von Frauen betreut werden und in vielen Familien der Papa einfach noch immer seltener verfügbar ist als die Mama.

Noah ist ziemlich angetan vom Fuhrpark

Der erste Tag läuft also perfekt: Wir rutschen, wir gehen mit der Gruppe raus, Noah und die anderen Kids nehmen sich Bobbycars und erkunden den Garten nach dem Wochenende – inklusive einer genauen händischen Nacktschnecken-Untersuchung. Es läuft – im wahrsten Sinn des Wortes – wie geschmiert.

Die erste Jause schmeckt schon mal nicht schlecht

Als die Gruppe zurück reingeht, gehen Noah und ich mit – Noah will sich die Schuhe aber nicht mehr ausziehen. Die Betreuerinnen sagen uns, das das meistens so ist am ersten Tag und dass wirs ruhig gut sein lassen sollen. Wir freuen uns über den erfolgreichen ersten Tag und gönnen uns auf der Heimfahrt ein Eis. Nicht wissend, dass das noch der leichteste Teil der Übung war.

Belohnung nach dem ersten aufregenden Tag

Die Nacht auf Dienstag schläft Noah sehr unruhig. Auch darauf waren wir vorbereitet. Dass der Schlaf in den ersten Kindergartentagen leidet, wissen wir noch von Theos Eingewöhnung vor knapp vier Jahren. Noah ist aber in der Früh bestens gelaunt und freut sich, als ich ihm sage, dass wir jetzt mit dem Auto wegfahren – in den Kindergarten.

Wir gehen also rein, ziehen gleich die neuen Kindergartenpatschen an und Noah will auch schon zur Gruppe, lässt aber meine Hand nicht los. Von Theos Taufpatin, selbst Kindergartenpädagogin, wissen wir, dass viele Eltern aus dem Verabschieden einen riesen Zirkus machen. Verabschieden sei wichtig, damit die Kinder wissen, dass Mama oder Papa jetzt gehen. Aber minutenlanges Brimbamborium sollte man keines draus machen, sagt sie. Daran will ich mich halten. Aber im Moment als die Betreuerin Noah auf ihren Arm nimmt, gibt es mir einen kleinen Stich im Herzen. Ich kann jede Mama, jeden Papa, verstehen, der jetzt mit einer ausführlichen Verabschiedung samt Erklärung warum man geht und wann man wieder kommt beginnt. Aber ich tue es nicht. Und gehe zügig raus.

Papa muss leider draußen bleiben

An unserem Kindergarten mag ich, dass Eltern nicht in der Garderobe warten, sondern ganz raus gehen. Eigentlich. Aber mit jedem Schritt den ich von Noahs Garderobe weggehe, beginnt sich mein Magen zusammenzuziehen, mein Hirn zu rattern. Hat die Natur das wirklich so vorgesehen, dass wir Kinder kriegen und sie dann nach eineinhalb Jahren zur Betreuung abgeben? Gebe es nicht irgendeine andere Möglichkeit? Könnten wir nicht irgendeine Betreuung in der Familie organisieren?

Ich setze mich ins Auto und überlege weiter, obwohl mir klar ist, dass es richtig ist, was wir gerade tun. Meine Frau und ich haben das auch schon oft durchbesprochen. Wir wollen beide keine Eltern sein, die hauptsächlich arbeiten und – wenns gerade passt – in der Freizeit ein bissl auf die eigenen Kinder aufpassen. Aber wir wollen auch beide unsere Jobs, die wir beide lieben, nicht aufgeben. Davon abgesehen, dass irgendwo ja auch noch das „Kleingeld“ reinkommen soll, das man so zum Leben halt auch braucht. Und wir haben schon oft durchbesprochen, wann das richtige Alter zum Kindergarten-Start ist (ich mag das Wort Fremdbetreuung nicht – so korrekt es hier auch wäre, das klingt so herzlos).

Es sind nur fünf Minuten, die ich im Auto warten muss. Dann darf ich Noah wieder aus der Gruppe holen. Aber sein Gesicht, als ich gegangen bin und der Ansatz von Weinen, macht mir so ein schlechtes Gewissen, dass die fünf Minuten zu einer Ewigkeit werden. Ich checke als Mailaccounts, Facebook, Instagram, Twitter – sogar Snapchat, wo ich sonst fast nie bin. Und es sind gerade erst vier Minuten um.

Ich steige schon einmal aus, gehe so langsam ich kann zum Kindergarten zurück und ärgere mich über jeden Vogel, der im Garten pfeift. „Sei ruhig, du Vieh, ich will hören, ob ich Noah bis raus weinen höre.“ Verrückt, oder?

Ich komme rein und eine der Betreuerinnen flüstert mir gleich freundlich. „Er spielt bei der Ritterburg.“ Mir fällt ein Stein vom Herzen, dass er nicht weint. Er hat sich sofort ablenken lassen. Und als ich „Noah“ rufe, schaut er kurz auf und lässt sich dann aber alle Zeit der Welt bis er zu mir zur Türe kommt.

Mittlerweile ist Freitag, wir haben uns jeden Tag um fünf Minuten gesteigert – gestern mit einem kleinen Rückschlag, weil er sich von einem anderen weinenden Kind anstecken hat lassen – aber wir haben die ersten Woche im Kindergarten überstanden. Auf Facebook und Instagram haben mir soviele Leute geschrieben, dass es meistens für die Eltern schwerer ist als für die Kids. Ehrlich gesagt hoffe ich das, dann weiß ich, dass es Noah diese Woche besser gegangen ist als mir. Als guter Papa hab’ ich mich nicht gefühlt. Aber auf eines bin ich stolz: Ich musste für Noah am ersten Tag ein Symbol aussuchen, das auf all seine Sachen drauf kommt. Ich hab’ mich neben all den exotischen Tieren für die Kuh entschieden. Und immer, wenn wir diese Woche sein Bauernhofbuch angeschaut haben, hat er beim Anblick einer Kuh laut „Muuuuuh“ gesagt. Zumindest diese Entscheidung war also diese Woche eine richtige.

Hier noch die drei Tipps, die ich euch mitgeben möchte:

  • bereitet Euch gut vor: je gelassener Ihr selbst seid, desto ruhiger ist auch das Kind. Ihr solltet also im Vorfeld schon Frieden mit der Entscheidung geschlossen haben.
  • Vermittelt Eurem Kind, dass der Kindergarten eine ganz großartige Sache ist. Noah liebt es, wenn wir in der Früh schon alle begeistert rufen: „Yeah, Juhuuuu, wir fahren in den Kindergarten.“ Er freut sich jedes Mal, wenn wir das Haus verlassen.
  • Keine große Abschiedsszene: Verabschiedet Euch kurz und herzlich von Eurem Kind und verlasst dann zügig den Raum oder vielleicht sogar das Haus. Es macht den Abschiedsschmerz nicht leichter, je länger die Verabschiedung dauert.