Schuleinschreibung: Der erste Test

Wenn wir das schon hören. „Jetzt geht der Ernst des Lebens los“. Einmal zehn Euro ins Phrasenschwein bitte! Und noch einmal zusätzlich zehn Euro, weil die Phrase nicht einmal recht gscheit ist.

Wir waren diese Woche bei der Schuleinschreibung. Ja, es ist kaum zu glauben. Das Baby, bei dem wir uns gerade noch gefragt haben, welcher Name überhaupt zu ihm passt, fängt im Herbst mit der Volksschule an. Theo wird im März sechs Jahre alt und freut sich irrsinnig, dass er – erstens – zu den „Lernraupen“ in seiner Kindergartengruppe zählt (Vorschüler oder Schulanfänger sagt man nicht mehr, wie wir gelernt haben). Und – zweitens – dass er ab Herbst in die Schule kommt. Ja, er freut sich auf die Schule! So ist das in den meisten Fällen bei Kindern in diesem Alter. Und ich frage mich, was um alles in der Welt passiert, dass Schule gehen dann innerhalb von zwei, drei, vier Jahren auf einmal ganz furchtbar wird und sich dann kaum noch Kind mit zehn oder zwölf noch darauf freut. Irgendwas muss da in unseren Schulen passieren, dass Kinder die Lust am Lernen verlieren. Nein, eigentlich muss es heißen: Die Lust an der Schule verlieren. Die Lust am Lernen bleibt ja.

Theo ist so stolz, dass er endlich in die Schule kommt.

Bei uns ist es faszinierend wie sowohl Theo als auch Noah mit seinen zwei Jahren Wissen aufsaugen wie Schwämme. Beide lieben zum Beispiel Omas „Wer, wie, was“- und „Kinder entdecken“-Buchsammlung. Obwohl sie beide noch nicht lesen können, wollen sie diese Bücher wahnsinnig gerne durchschauen und fragen dann wahlweise Mama, Papa, Oma oder Opa – was denn da beim Wal dabeisteht. Wie groß ist der? Kann der atmen, wenn er unter Wasser ist? Wenn man Theo fragt, wie der größte Dinosaurier heißt, der je gelebt hat – oder die Schlange mit den längsten Giftzähnen? Oder wieviele Menschen früher in der Concorde fliegen konnten – es kommt sofort: Patagotitan mayorum (Dino), westliche Gabunviper (Schlange) und 128 (Flugzeugsitze). Dinge jedenfalls, die weder Mama, Papa noch Oma oder Opa gewusst hätten, ohne es einmal nachzulesen. Seit zu Weihnachten beide Burschen einen Tiptoi-Stift haben – das ist ein (nicht gerade billiges) Lernspielzeug, mit dem man in speziellen Tiptoi-Bücher auf alle Bilder tippen kann und der Lautsprecher im Stift erzählt dann Geschichten dazu, Fakten, kleine Spiele oder Lieder – verblüffen uns die zwei immer wieder mit Wissen, von dem wir nie zuvor was gehört haben. Und die Kinder freuen sich einen Haxen aus, wenn sie Mama und Papa etwas lehren können.

Warum wird Schule plötzlich zur Qual?

Theo erwartet sich von der Schule, dass er noch viel mehr über all die Dinge erfährt, die er sich momentan in Büchern zusammensucht oder im Kindergarten aufschnappt. Am meisten freut er sich in der Schule – hat Theo seiner Kindergartenpädagogin gesagt – auf Englisch. Ich höre schon die Maulhelden, die sich insgeheim flüstern „Na, das wird sich nach den ersten Vokabeltests schon ändern.“ Und genau da sind wir dann bei der Frage: Was passiert in der Schule, dass Kinder dort dann nach ein paar Jahren nicht mehr von „spannend“ sondern von „mühsam“ reden. Ist es der Leistungsgedanke? Das mag ein Teil sein. Aber so gern Kinder ihre Leistungen gegenseitig vergleichen und spielen wer im Freibad länger unter Wasser, im Turnsaal länger auf einem Bein stehen kann, so schwer kann ich mir vorstellen, dass das alleine die Lust auf die Schule verdirbt. Ist es vielleicht der Übergang von „freiwilligem Lernen“ so wie jetzt zu „verpflichtendem Lernen“ wie in der Schulzeit? Das mag vielleicht auch ein Faktor sein. Aber ob ich es als lästige Pflicht oder als coolen Nutzen empfinde, wenn ich Neues lerne, liegt ja eigentlich am Lehrer oder Lehrerin. Und ich habe die Vermutung, dass in der Schule vieles genau auf die Frau oder den Mann zurückkommt, der das Wissen vermittelt oder vermitteln soll.

Ich weiß aus meiner Schulzeit zum Beispiel noch, dass ich leider kein Fremdsprachentalent bin, aber eine Französischlehrerin hatte, die mich so für die Sprache begeistert hat, dass ich – obwohl ich hundsmiserabel französisch spreche – immer noch begeistert bin von Französisch. Umgekehrt hatte ich eine – aus meiner Sicht – ganz schlechte Pädagogin, die sich Englischprofessorin nennen durfte. Sie hat mir für ein paar Jahre jede Lust auf Englisch genommen (die Lust ist zum Glück wieder zurückgekehrt und ich liebe die Sprache heute genauso wie unser Theo).

Wer ist schuld?

Es wär‘ natürlich zu einfach, jede Wissenslücke und jede Lernschwäche auf den Lehrer oder die Lehrerin abzuschieben. Für alles können die Pädagogen ja auch nicht verantwortlich gemacht werden. Und wenn ich in unserem Freundeskreis schaue,  mit welchem Spirit junge Lehrer heute an ihren Job rangehen, was sie sich für den Unterricht überlegen, wie sie Kindern und Jugendlichen auch auf Augenhöhe begegnen – dann finde ich das kein schlechtes Zeichen. Und mir kommt da auch immer unser Fessor Gruber im Café Puls-Frühstücksfernsehen in den Sinn. Sein Spezialgebiet Physik ist ja wirklich nicht gerade etwas, bei dem Massen in Begeisterungsstürme ausbrechen. In seinen vier Minuten Studiobesuch jeden Mittwoch lehrt er uns aber ganz nebenbei etwas, das man im Physikunterricht sicher einmal gehört, vielleicht für eine Test auch gelernt hat, aber längst in der Kategorie „Gelöschte Objekte“ im Hirn abgelegt hat. Unsere Zuschauer und wir Frühaufsteher im Studio lieben das – und zwar obwohl um diese Uhrzeit der Großteil der Menschheit in Österreich wohl nicht gerade im Lernmodus ist.

Unser erster Eindruck bei der Schuleinschreibung war jedenfalls schon einmal ein positiver. Und was viel wichtiger ist – auch Theo ist begeistert von der Frau Direktor. Die hat nämlich ein paar kleine Tests mit ihm gemacht. Namen klatschen, Worte reimen, Theo schreiben, sie hat sich manche Zeichnungen und Basteleien aus dem Kindergarten angeschaut. Ich war ganz überraschend, dass die Direktorin jeden Schulanfänger und seinen Wissens- und Lernstatus 20 Minuten einzeln kennenlernt. Wohlgemerkt – an einer ganz normalen Volksschule am Land. Theo hat sofort alle Omas, Opas, Tanten und Onkeln informiert, wie cool der erste Schulbesuch war.

Große Aufregung vor der Schuleinschreibung.

Dieser blöde Spruch vom „Ernst des Lebens“, wenn die Schule beginnt – wir sollten ihn wirklich zum Unspruch des alten Jahrhunderts abstempeln und ihn dort auch vergessen machen. Ein bissl sind wir als Mamas, Papas, Omas, Opas, Tanten, Onkeln und Freunden von Schülern auch mitverantwortlich, was mit der natürlichen Neugier und der Wissbegierde in der Schulkarriere passiert…

Alles muss genau unter die Lupe genommen werden