Wieviel Handyzeit ist okay für ein Kind?

Irgendwo zwischen 250 und 300 Worte kann ein Kleinkind mit zweieinhalb Jahren aussprechen. Das behaupten zumindest die meisten Elternratgeber. Katze. Haus. Mama. Spielen. Das sind so die typischen Worte eines zweieinhalbjährigen Kindes. Bei unserem Noah ist seit ein paar Wochen auch eine andere Kombination fix im Wortschatz: „iPad schauen“.

Das hören wir jeden Morgen unmittelbar nach dem Aufstehen. Und über den Tag verteilt in regelmäßigen Abständen. Es ist einfach unglaublich, welche Faszination Smartphones und Tablets bei Kindern auslösen. Und jede Mama, jeder Papa fragt sich: Ab wann ist es okay, dass mein Kind mit dem Handy herumspielt? Wieviel Zeit darf ein Kind in welchem Alter mit dem Handy verbringen? Welche Apps soll es dann benutzen? Und ab welchem Alter ist es „normal“, dass ein Kind sogar ein eigenes Handy hat?

Ab wann ein eigenes Handy?

Zur letzten Frage war ich beruhigt, als ich neulich ein Interview mit einem deutschen Professor für molekulare Psychologie gelesen habe. Christian Montag erforscht, wie digitale Welten den Menschen verändern und sagt in der Zeitschrift „Spiegel“: Kinder sollten „nicht vor dem zehnten, vielleicht sogar nicht vor dem zwölften Lebensjahr“ ein Smartphone haben. Und „auch dann müssen die Eltern schauen, ob es überhaupt sinnvoll ist.“ Für uns als Eltern eines Sechs- und Zweieinhalb-Jährigen heißt das: Handy kaufen ist noch länger kein Thema. Problem vorübergehend gelöst.

Dass unsere zwei Burschen deswegen nichts mit dem Handy zu tun haben (wollen), ist aber eine Illusion. Theo als unser erstes Kind haben wir bis kurz vor seinem dritten Geburtstag relativ gut vom Handy fernhalten können. Dann hat er langsam zum Experimentieren damit angefangen: Fotografieren, filmen, selbstgemachte Videos und Fotos anschauen und irgendwo ab ungefähr fünf ist dann auch ab und zu ein bissl Zeit auf YouTube dazugekommen.

Wie viel Medien-Konsum ist „gesund“?

Bei Noah ist das ganz anders: Er wächst als Zweiter natürlich damit auf, dass sein großer Bruder – sein großes Vorbild – immer wieder am Handy was anschaut und will das entsprechend selber machen. Seit ein paar Wochen gibt er uns auch zu verstehen, dass es ihm zu wenig ist, bei Theo mitzuschauen und will sein „eigenes“ Handy zu jeweiligen Verwendung. Damit sind dann wahlweise das Handy meiner Frau und meines beziehungsweise unsere beiden Tablets fest in Kinderhand. Mittlerweile dürfen beide täglich 30 Minuten am Bildschirm verbringen: Am Handy, am Tablet oder am Fernseher. Noah nutzt das Pensum selten aus, er verliert nach ein paar Minuten oft die Lust und will dann wieder was anderes spielen. Und seit wir die 30 Minuten-Marke mit beiden Burschen besprochen haben, stellt die auch Theo kaum mehr in Frage.

Kinder und Smartphone, Tablet und Co. – ein Thema, das uns täglich beschäftigt

Aber natürlich fragen wir uns als Mama und Papa auch: Sind wir schlechte Eltern, weil unsere Kinder das dürfen? Oder ist das in diesem Alter und in der Zeit, in der wir leben, ohnehin normal? Bei unseren eigenen Eltern nach deren Handhabe nachzufragen, macht da ja wenig Sinn. Von Handys war in unserer eigenen Kindheit vor fast 30 Jahren keine Rede.

Die Sache mit dem Hammer

Ich war unheimlich froh, als ich vor kurzem beim 4Gamechangers-Festival eine Diskussion mit ausgewiesenen Experten über Erziehung in Zeiten der Digitalisierung moderieren durfte. Endlich Antworten auf diese alltäglichen Fragen, wie ich meine Kinder am besten mit dem Handy und dem Tablet umgehen lasse. Und ich war dann auch überrascht, dass sich Hirnforscher, Kinderpsychologen und Erziehungsgurus in der Handyfrage so gar nicht einig sind.

Da gibt es zum Beispiel Stefan Piech, den Erfinder von Fix und Foxi-TV, der sagt: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es mit Körperverletzung gleichzusetzen ist, wenn man Kleinkinder bis drei Jahre mit Bewegtbildern konfrontiert.“ Demnach begehen wir ein Verbrechen, wenn unser Noah mit zweieinhalb, mit seinem großen Bruder eine Folge Jonalu am Tablet oder Fernseher schauen darf. Puh.

Hirnforscher Bernd Hufnagl sieht das anders und hat mir in dieser Diskussion gesagt: „Es macht keinen Unterschied, ob ich einem Kind einen Hammer in die Hand drücke oder ein Smartphone. Den großen Unterschied macht, was es damit macht.“ Wenn ein Kind also lernt, damit umzugehen, dann ist das Smartphone oder Tablet nicht per se schlecht. Das kommt mir auch durchaus nachvollziehbar vor. Die Frage ist aber wie?

Katharina Weiner, die Assistentin von Erziehungspapst Jesper Juul, hat in der Diskussion erzählt, wie sie es mit ihrer mittlerweile jugendlichen Tochter schon seit Jahren handhabt. Sie darf grundsätzlich schauen, was sie will – natürlich mit gewissen Einschränkungen – aber als Mama darf Weiner auch wissen, was es ist. Dafür muss die Tochter nicht unter ständiger Aufsicht sein.

Achtsamer Umgang mit Smartphone, Tablet und Co.

Und Martina Leibovici-Mühlberger, die Bestseller-Autorin von „Wenn Tyrannenkinder erwachsen werden“, meint, es kommt – wie so oft in der Erziehung – aufs Grenzen setzen an. Kinder einfach das Handy oder Tablet in die Hand zu drücken, damit man als Mama oder Papa eine halbe Stunde Ruhe hat, ist der vollkommen falsche Weg. So bequem und verlockend das manchmal erscheinen mag – wer das macht, produziert „Smombies“ – Smartphone-Zombies. Und das wollen wir alle nicht. Sie rät auch dazu, zu begrenzen, eine tägliche oder wöchentliche Zeitbegrenzung zu setzen und die mit dem Kind oder den Kindern auch zu besprechen. Bevor sie das nicht verstehen, ist es ohnehin zu früh fürs Handy oder Tablet.

Bleibt die Frage: Was dürfen Kinder am Handy oder Tablet überhaupt tun. Beide Burschen finden es unheimlich faszinierend, Fotos und Videos zu machen und die dann auch anzuschauen. Daran kann ich nichts Schlechtes erkennen. Theo macht mittlerweile sogar richtig coole Bilder aus einer Perspektive, die Erwachsene selten einnehmen.

Videos auf diversen Online-Plattformen anschauen, ist natürlich das Bequemste für Kinder. YouTube hat aber da seine Tücken. Meine Chefin, PULS 4-Infodirektorin Corinna Milborn, hat vor kurzem etwas gepostet, das viele aufgerüttelt hat (https://www.facebook.com/corinna.milborn/posts/1770870849604408). YouTube gibt es auch als Kinderversion, die App heißt dann „YouTube Kids“ und ist laut YouTube frei von Inhalten, die Kinder verstören könnten. Ganz vertrauen wir der Sache zwar nicht, es ist aber wohl schon besser als das „Erwachsenen-YouTube“. Viele Kinderkanäle vom Disney Channel bis zu KiKa haben auch ihre Apps, die aus unserer Erfahrung deutlich sicherer sind. Aber die Hand ins Feuer legen würden wir auch da nicht. Das einzige was da wirklich hilft, ist für ein Angebot einer Videoplattform zu zahlen. Dann kommt keine unvorhergesehene Werbung und die Videos können nicht wie bei YouTube mit verstörenden Sequenzen manipuliert werden. „Maxdome“ hat zum Beispiel viele Serien von Feuerwehrmann Sam bis Benjamin Blümchen und auch für ältere Kinder viele Animationsfilme. Netflix ist unserer Erfahrung nach bei prominenten Kinderserien vergleichsweise schwach, Amazon Prime haben wir noch nicht getestet.

Das Thema Spiele am Handy ist bei uns keines – vermutlich weil wir Eltern auch weder Handy noch Tablet zum Gaming benutzen. Und da wären wir schon bei dem, was mir alle Experten gesagt haben: Kinder lernen durch Imitation. Und wen imitieren Sie am liebsten? Natürlich Mama und Papa. Und ganz ehrlich: Wer von uns hat sich noch nicht dabei ertappt, neben den Kindern schnell die Uhrzeit am Handy zu checken, hat eine WhatsApp-Nachricht entdeckt und auch schnell gelesen? Da ist die Interaktion mit den Kids gleich wieder dahin.

Das eigene Verhalten beobachten

Wir haben jetzt handy- und tabletfreie Zonen eingeführt. Die Kinderzimmer lassen sich im Alter unserer Kids noch gut durchsetzen. Der Esstisch ist bei uns ebenfalls handyfrei, selbst wenn während des Essens ein wichtiger Anruf kommt – da müssen wir konsequent sein. Was wir noch nicht geschafft haben, ist auch das Schlafzimmer handyfrei zu machen. Wir haben keine „normalen“ Wecker mehr. Aber das will ich nach den Expertendiskussionen jetzt ändern. Und ich überlege auch, ob ich mir eine Uhr fürs Handgelenk zulege, obwohl ich kein Fan von Armbanduhren bin. Christian Montag, der Psychologe und Digitalforscher, sagt: Menschen, die eine Armbahnuhr und einen Wecker haben, schauen wesentlich weniger aufs Smartphone. Wer sein Smartphone als Wecker verwendet, lässt sich dazu verleiten, bis tief in die Nacht alten Freunden auf Facebook und Instagram hinterherzuspionieren.“ Und auch wenn wir das machen, wenn unsere Kinder nicht zuschauen, sie imitieren uns ja. Und wenn wir dann selbst nicht dauernd am Handy sind, wirkt sich das wohl auch auf unsere Kids aus.

Weiterführende Links:

Future of education: Diskussion mit Hirnforscher Bernd Hufnagl, Schuldirektor und Autor Niki Glattauer, Fix und Foxi-TV-Chef Stefan Piech, Jugendforscherin Elisabeth Hornberger & NEOS-Chef Matthias Strolz

Digital ethics: Diskussion mit Psychologin und Bestsellerautorin Martin Leibovici-Mühlberger, Jesper Juul-Assistentin Katharina Weiner, Ethiklehrerin Anita Kitzberger, Schulfach Glück-Erfinder Ernst Fritz-Schubert, Influencer Michael Buchinger & Investmentpunk Gerald Hörhan